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Ein weiteres volles Haus online

Ein Artikel in der Tageszeitung KURIER von Georg Leyrer

Opern-Streaming. Die Wiener Staatsoper sucht via Internet ein weltweites Publikum in Klassik-liebenden Märkten.


Es ist einer der wohl unerwartetsten, zugleich aber auch kulturpolitisch interessantesten Nebenaspekte der Globalisierung: Ein Amerikaner, der einen chinesischen Fernseher zu Hause stehen hat, kann sich per Knopfdruck auf der Fernbedienung live in die Wiener Staatsoper versetzen. Zumindest dann, wenn die jüngste Online-Initiative des Hauses am Ring aufgeht: Man strebt eine Partnerschaft mit LeTV an, einem chinesischen Unternehmen, das exemplarisch für die rasanten wirtschaftlichen Bocksprünge im asiatischen Riesenland steht. Die dahinterstehende Firma, LeEco, hat mit einem Sport-Abo-Angebot gestartet - und ist dann innerhalb weniger Jahre zu einem riesigen Produzenten von Unterhaltungselektronik, einem chinesischen Internetprovider und einer Plattform für internationalen Klassikcontent geworden.

Und nun, nach dem Kauf des US-Streaminganbieter Vizio um schlanke zwei Milliarden Dollar, auch zu einem wichtigen Player in der US-Fernsehlandschaft, der 28 Millionen Haushalte erreicht.

Und eine App des von LeTV angebotenen Programmes könnte die Wiener Staatsoper werden, schildert Christopher Widauer im KURIER-Gespräch.

Widauer ist an der Staatsoper für digitale Entwicklung zuständig - und damit u.a. für die Livestreams und die internationalen Kooperationen im Digitalbereich. Er bestätigt, dass „klassischer Content in China sehr gefragt ist“. Die Streams der Staatsoper würden dort zu den selben Konditionen wie überall anders verkauft werden: 15 Euro pro Einzelstream, 150 Euro für ein Jahresabo. Und angesichts des gewaltigen chinesischen und des ebenfalls großen amerikanischen Marktes „ist das schon sehr interessant“, sagt Widauer.

(Heim-)Kino

Das Internet und die ins Bodenlose gefallenen Produktionskosten für hochwertige Videobilder bieten ein enormes neues Betätigungsfeld für die Staatsoper - und nicht nur für diese. Mit ihren dementsprechenden internationalen Bemühungen ist sie wahrlich nicht alleine. Das bekannteste Beispiel für jene neuartige internationale Präsenz, die Opernhäuser nun finden können, ist die Metropolitan Opera in New York, die über Kino-Vorführungen längst mehr Publikum in aller Welt hat als im Stammhaus. Und auch ordentlich Geld verdient.

Auch die Wiener Staatsoper hat bei ihren Livestreams bereits „ein weiteres volles Haus online“, sagt Widauer: Rund 1000 Abo-Streamauslieferungen pro Veranstaltung, die jeweils von zwei oder mehr Menschen gesehen werden, bedeutet mit den Einzeltickets eine erkleckliche Anzahl an zusätzlichen Hörern und Sehern. Aber „wir konkurrieren nicht um das sehr mobil gewordene Publikum“, sagt Widauer.“ Sondern auch um die Künstler. Und für die ist es genauso wichtig wie für uns, auf digitalen Plattformen global verfügbar zu sein. „Und in diesem Bereich sei die Staatsoper inzwischen „die Benchmark“.

Einnahmenmäßig schlage sich das zwar noch nicht so nieder - zumindest nicht in Relation zum 100 Millionen Euro überschreitenden Gesamtbudget der Oper. Aber „in Relation dazu, dass es den DVD- und CD-Verkauf in nennenswerter Weise nicht mehr gibt, dass hier den Künstlern auch Einnahmen entgehen, und in Relation dazu, dass die TV-Anstalten ihre Produktion dramatisch zurückgefahren haben, sind diese Zahlen jetzt schon interessant“, sagt Widauer.

Durch vermehrtes Engagement in den USA, China und in Japan (wo die Staatsoper gerade auf Tournee war) sollen „Einnahmen erzielt werden, um die Produktionskosten zu decken und für die Künstler ein signifikantes Zubrot zu bilden“. Zwar lassen sich diese Märkte nicht „auf Knopfdruck erschließen“. Aber „die technischen Investitionen haben wir über Sponsoren finanziert. Der laufende Betrieb ist, im Vergleich zu dem, was bisher Fernsehen gekostet hat, absurd preisgünstig. Und wir produzieren dadurch auch ein unglaubliches Archiv. Wir haben 120 öffentliche und viele hundert Probe-Livestreams gemacht. Das ist ein Schatz, der in zehn, fünfzehn Jahren einen komplett anderen Wert haben wird.“

Demnächst werden die Streams in einem neuen Format, „UHD HDR“, angeboten - eine Antwort auf die Schwierigkeit, dass „es in der Oper relativ dunkel ist, die Sänger aber sehr stark beleuchtet sind“.

Überall

Die Präsenz von Hochkultur im Internet sei „auch von kulturpolitischem Interesse“, bestätigt Widauer. Für die Staatsoper selbst ergibt sich die Möglichkeit einer bisher ungeahnten weltweiten Präsenz: Auch ein lokales Bühnenhaus agiert, vergleichbar etwa einem Medienhaus, heute global. Sorge vor Selbstkannibalisierung beim Publikum habe man nicht: Man konzentriere die Marketingaktivitäten abseits des deutschsprachigen Raums, wo das meiste Publikum herkomme. „Da muss man in Hinblick auf die Karteneinnahmen sehr vorsichtig sein“, sagt Widauer. Aber auch in Österreich gebe es viele Streaming-Interessenten, deren Lebenssituationen es aus den verschiedensten Gründen nicht erlaubt, regelmäßig in die Oper zu kommen. Und auch mit Schulen kooperiert man: „Wir können jungen Menschen zeigen: Das ist Oper.“

- Georg Leyrer | Kurier | 16.11.2016