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The digital wave is real

Wenn das Seltene zur Gewohnheit wird: wie die digitale Welt die Autorität des Museums bedroht

14.09.2015

Text: Larry Friedlander

Wohin hat uns das Internet geführt? Lange Zeit hielt das Museum die Schlüssel zum Königreich in der Hand, einerseits, indem es den Zugang zu den seltensten Schätzen der Kultur regelte und andererseits, indem es bestimmte, wie diese Schätze gesehen und verstanden werden sollten. Das hat sich geändert. 

Im digitalen Zeitalter hat jeder einen einfachen Zugang zu großen Mengen an Bildern, `Fakten´ und Meinungen. Wenn man Picasso sehen will, kann man Tausende von Bildern, Artikel und Meinungen abrufen und sich sogar mit völlig fremden Menschen über ein Gemälde austauschen – und das in weniger als einer Sekunde. Wahrlich handelt es sich bei diesen digitalen `Objekten´ nicht um das Original, aber die unglaubliche Menge und der leichte Zugang führen dazu, dass diese Quellen als Erstes aufgesucht werden - von einem Schulkind, das für einen Aufsatz forscht, bis zu einem neugierigen Internetsurfer oder einem zielstrebigen `Fan´.

Das Seltene ist zur Gewohnheit geworden 

Dazu kommt, dass sich das Publikum schnell (ver)ändert. Die Art, wie Museen jetzt zu ihrem Publikum sprechen ist voll und ganz geprägt von der digitalen Revolution. Die moderne Öffentlichkeit sieht mit neuen Augen und hat neue Erwartungen, ist ungeduldig, falls sie in eine passive Rolle gedrängt wird, und begierig nach neuen Erfahrungen, schnell gelangweilt, übersättigt mit Sinneseindrücken und überwältigt vom Geschwätz der global vernetzten Welt. Das Seltene ist zur Gewohnheit geworden; was leicht erreichbar ist wird achtlos weggeworfen und vergessen. Die Wirkung einer noch so eindrucksvollen Ausstellung ist entsprechend kurz, und geht im Sensationsstrudel der Medien, der Werbung und des urbanen Alltags unter. Darüber hinaus können Museen in einer Gesellschaft, welche auf sofortige Unterhaltung und frei verfügbare Erlebnismöglichkeiten begründet ist, nicht auf die Art von lang anhaltender und fokussierter Aufmerksamkeit zählen, welche große Kunstwerke oder Ideen oft erfordern würden. Dies ist ohne Zweifel ein Grund für die Popularität von Warhol: seine Kunst kann sofort im Ganzen verschlungen und verdaut werden.

„So wie die Kultur sich verändert, muss das Museum seine Rolle in der Gesellschaft zur Gänze ändern und sich neu erfinden.“

Die digitale Fülle untergräbt die Autorität 

Diese neue Öffentlichkeit mit ihrer Ruhelosigkeit und ihrer Erwartungen betreffend der Zugangsmöglichkeiten und der Interaktion verhält sich zunehmend zynisch gegenüber der Autorität und widersetzt sich dem Anspruch des Museums ein privilegierter Eigentümer und eine Quelle kultureller Werte und Erfahrungen zu sein. Es gibt einfach zu viele andere Orte, an denen man sich mit Informationen und Anleitungen versorgen kann. Diese digitale Fülle untergräbt die besondere Autorität des Museums. Was kann das Museum tun, um sich in seiner Rolle abzusichern? Wie kann es seine Objekte und sein Expertenwissen so neu anlegen, dass es die Fähigkeit hat damit zu überzeugen und zu beeindrucken? Das Digitale kann das Digitale mit einer Art technisch-kultureller Homöopathie heilen. Wenn man das Digitale nicht als eine Ergänzung zur Hauptaufgabe des Museums sieht - wobei lediglich die Darstellung verbessert und der Besitz des Museums im Web präsentiert wird - sondern als ein vielseitiges Werkzeug, womit man die Beziehung zwischen Museum und Gesellschaft neu definieren kann, kann man im Problem bereits die Lösung erkennen.

Informationen müssen komplexer, schwer verarbeitbar, problematisch und kryptisch sein

Eine Herangehensweise wäre es sich dem zunehmenden Druck zu widersetzen digitale Technik dafür zu verwenden einfache und unbegrenzte Information zu verbreiten. Stattdessen könnte man das Gegenteil tun: Informationen müssen komplexer, schwer verarbeitbar, problematisch und kryptisch sein. Dabei kann man auf die Absicht der Information hindeuten, nämlich irgendein wichtiges Problem zu lösen. Wenn man die Rolle von Informationen hervorhebt, in dem man ein bestimmtes Bild von der Welt entstehen lässt, könnte man die Öffentlichkeit dazu bringen genau auf die Qualität und Herkunft der `Fakten´ zu achten und sie dabei mit den Möglichkeiten der Interpretation spielen zu lassen, wobei sie Lösungen austüfteln sollten. Eine solche Strategie beinhaltet kreative gestaltende Information als Teil eines implizierten Dialogs, als sichtbarer Teil eines kontinuierlichen ernsthaften Austausches, das sowohl auf persönlicher, als auch auf kultureller Ebene stattfindet. Dabei muss der Fokus auch darauf gerichtet werden, warum Informationen vorrangig und nützlich sind und wie diese Informationen das Leben eines Menschen zutiefst beeinflussen können.

Erstellung eines Besucherprofils, um Interessen und Bedürfnisse zu erkunden

Nach einer anderen Strategie wird die Technologie dazu verwendet die Gesamtheit der Erfahrungen des Besuchers zu formen, nicht nur für die Dauer des Besuches, sondern auch in der Zeit vor und nach dem Erlebnis. Vor dem Besuch kann man die Technologie dazu nutzen ein Besucherprofil zu erstellen, um die Interessen und Bedürfnisse zu erkunden und dem Besucher Wege vorzuschlagen, wie er seine Zeit im Gebäude planen und strukturieren kann. Während des Besuchs kann man Erlebnisse des Besuchers von Augenblick zu Augenblick verfolgen, seine Entscheidungen lenken, darauf aufbauend, wie sich das Besuchserlebnis entwickelt. Wenn ein Besucher inne hält und einem Kunstwerk seine Achtsamkeit schenkt, könnte man ihm - in Echtzeit - andere Werke vorschlagen, welche auf diese erste Begegnung bauen könnten, seine Fragen beantworten und ihm Hintergrundinformationen und zusätzliche Erläuterungen anbieten. Am Ende kann von der Aufzeichnung des Besuches ein digitales Produkt erstellt werden, das der Besucher mit nach Hause nehmen kann und worauf er auch außerhalb des Museums bauen kann.

Das Wichtigste ist jedoch, dass man die Rolle des Museums nicht für selbstverständlich hält. Es mag so aussehen, dass das Museum auf den Fels der Epochen gebaut ist, doch das Museum ist ein kulturelles Konstrukt und nicht eine Ansammlung imposanter Gebäude und prachtvoller Werke. So wie die Kultur sich verändert, muss das Museum seine Rolle in der Gesellschaft zur Gänze ändern und sich neu erfinden. In einer digitalen Welt muss es sich digitaler Werkzeuge bedienen, um von seiner Unentbehrlichkeit und Nützlichkeit zu überzeugen.

Larry Friedlander ist besonders an Theater und Performancekunst und an interaktiver Technologie interessiert. Er ist Co-Direktor des Stanford Learning Laboratory, dem Universitätszentrum für Forschung, Entwicklung und Umsetzung von Innovationen in Technologie und Lehre, und Co-Direktor des Wallenberg Global Learning Networks, einem internationalen Zentrum für die Erforschung von Lehre im globalen Kontext.


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